Die Dunstan-Edelkastanie (Castanea dentata x molissima)

Die amerikanische Kastanie (Castanea dentata) war in den Laubwäldern des östlichen Nordamerika  die wichtigste Nahrungs – und Holzbaumart. Sie wurde allerdings durch den Kastanienrindenkrebs, der 1904 in die USA eingeschleppt wurde und sich mit dem Wind pro Jahr ca. 80 km weiter ausbreitete, stark in Mitleidenschaft gezogen. Innerhalb von 40 Jahren wurden über 12 Million Hektar Wald zwischen Maine und Georgia und westlich bis zum Mississippi befallen, in denen vorher die amerikanische Edelkastanie gut ein Viertel des Bestandes ausmachte. Die Kastanien starben durch den Rindenkrebs oberirdisch ab, wobei die Stöcker allerdings wieder austreiben. Heute existiert die Art immer noch, aber sie wird kaum noch mehr als 6 Meter hoch, bevor der Rindenkrebs sie befällt.

Die Kastanie war ein erstaunlich nützlicher Baum: Seine zahlreichen Nüsse wurden von Menschen und Wildtieren gegessen, sein schönes, witterungsbeständiges Holz wurde vielfältig verwendet, von Möbel- und Hausbau über die Lohgerberei bis hin zur Herstellung von Zaunpfälen und Flechtarbeiten. Der Verlust der Kastanie zur Zeit der Weltwirtschaftskrise hatte verheerende Auswirkungen auf die Menschen, vor allem in den Appalachen. Ein gutes Beispiel dafür, wie fragil die Ernährung auf basis einer profitorientierten Wirtschaft ist und wie fatal das fehlen von systemunabhängigen Nahrungsquellen…

In den frühen fünfziger Jahren entdeckte James Carpentar aus Salem, Ohio, eine große lebende amerikanische Kastanie inmitten  toter und sterbender Bäume. Carpentar, ein Mitglied der Northern Nut Growers Association (NNGA), war von dem Baum sehr beeindruckt, da er keine Anzeichen einer Infektion mit Rindenkrebs aufwies. In den nächsten Jahren inokulierte er den Baum mit aktiven Sporen und Myzel, konnte jedoch keine Infektion im Baum hervorrufen. Er sandte Knospenholz an Dr. Robert T. Dunstan, ein Mitglied der NNGA und ein bekannter Pflanzenzüchter in Greensboro, North Carolina. Dunstan veredelte Reiser des resitenten Baums auf Hybridunterlagen und die Bäume wuchsen gut. Er befruchtete einen mit einer Mischung aus Pollen von 3 chinesischen Kastanienselektionen : “Kuling”, “Meiling” und “Nanking” (Castanea molissima), die damals vom USDA zertifiziert und zugelassen waren.

Im Jahr 1962 begannen die aus der Kreuzung hervorgegangenen Sämlinge zu tragen. Das Individuum mit den meisten positiven Hybrideigenschaften kreuzte Dr. Dunstan zurück mit den amerikanischen Elternbäumen. Die daraus resultierende zweite Generation wurde nach Alachua in Florida verbracht, wo die Bäume seither jedes Jahr Früchte tragen!

1984 pflanzten wurde eine weitere Anlage mit 500 Bäumen gepflanzt, sowohl aus veredelten Pflanzen wie auch Sämlingen. Diese sind in ca. 50 Jahren auf über 10 m Höhe (weite, streuobstwiesenartige Anlage mit 10-15 m Pflanzabstand) und 30-40 cm Brusthöhendurchmesser (BHD) gewachsen. Diese “Dunstan Chestnuts” zeigen eine Kombination von Merkmalen der amerikanischen und chinesischen Edelkastanie: Sie sind gesund und ohne Zeichen von Rindenkrebs und tragen jedes Jahr große Mengen Früchte, die in Geschmack und Form den Charakter der amerikanischen Kastanie erhalten. Eine dritte Generation von Bäumen wurde gezüchtet, indem man die Bäume kreuzte, die die größte Menge der größten und süßesten Früchte trugen. Diese “Dunstan Chestnuts”  wurden leider nach US-amerikanischem Recht patentiert.

Somit haben wir heute (2017) die Situation, dass es eine erfolgreiche und gutentwickelte Zuchtlinie von hybridisierten und dann rückgekreuzten ‘amerikanischen Edelkastanien’ gibt, diese aber quasi urheberrechtlich geschützt sind. Das Patent hält die Chestnut-Hill-Baumschule, die keine Pflanzen oder Sämlinge nach Europa verkauft.  Die Dunstan-Kastanien haben nach deren Angaben den typischen Geschmack der amerikanischen Edelkastanie und deren Fruchtform, sind aber wie gesagt resistent gegen den Kastanienrindenkrebs. Sie wachsen aber nicht mehr zu Höhen von 30 Metern heran, sondern bleiben kleiner, womit sie für den Anbau in streuobstartigen Kulturen gut geeignet sind. Ich bin glücklicher Weise über Umwege in die Situation gekommen, ca. 130 frische Früchte bekommen zu können. Diese werden nun über den Winter 2017/18 stratifiziert und dann ausgepflanzt.

 

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